Paris, 29./30.9., Splitter


Der Pariser Verkehr

Als Radfahrer muß man schon ein Maß an Schicksalsergebenheit mitbringen. Der Verkehr wirkt chaotisch und anarchisch. Er verläuft viellinig und ungerade. Insbesondere in den zahlreichen Kreiseln, in denen die jeweils Einfahrenden Vorfahrt haben, bekommt der Verkehr neapolitanische Qualitäten. (In Paris befanden sich übrigens die einzigen Kreisel auf meiner Reise durch Frankreich - und ich sah zahlreiche! Jedes Kaff hat seine Kreisel -, die eine solche Vorfahrtsregelung haben. An allen nicht-pariser Kreiseleinfahrten wiesen Vorfahrt-beachten-Schilder mit der Aufschrift: "Vous n`avez pas la priorité." auf die Vorfahrt der Kreiselnden hin.) Alle füllen ungeregelt ohne Unterlaß alle sich bietenden Lücken. Und das mit einer Richtungswinkelbandbreite von annähernd 180 Grad. Als Radfahrer muß man immer darauf gefaßt sein, daß von rechts Autos kommen, da man a.) selber nicht ganz rechts fahren kann, wenn man nicht gleich abbiegen will, sich b.) auch dann, wenn man glaubt, sehr weit rechts zu fahren, Autos unter Ausnützung kleinster Lücken überraschend an einem vorbeischieben, also c.) eigentlich immer Autos sich rechts von einem befinden (siehe das Bewegungsgesetz oben). Man kann sich also eigentlich genausogut irgendwo in den Kreiselstrom werfen.
Daß man das nicht nur überlebt, sondern sogar recht ungestresst durchfahren kann, beweist, daß der Pariser Verkehr auf den zweiten Blick gar nicht so schlimm ist. Denn die Leute fahren recht aufmerksam und kommunikativ und vor allem im Durchschnitt langsamer als auf deutschen Straßen. So geriet ich nie in eine gefährliche Situation und es regte sich auch nie jemand auf, obwohl ich diverse male für deutsche Maßstäbe sehr unorthodox durch den Verkehr gondelte: z.B. in einen fließenden Verkehrsstrom einfach hineinkreuzte, oder mitten auf der Straße langsamer wurde, weil ich nach einem Straßennamen suchte. Aber das macht hier jeder. Ebenso mußte ich hinnehmen, daß man mich ohne Vorwarnung rechts überholte, schnitt, noch schnell vor mir quer oder frontal auf mich zu fuhr. Einmal rollte ich geistesabwesend in eine große Kreuzung hinein, auf der der Querverkehr gerade Rot bekommen hatte. Keines der anfahrenden Autos, die ich dadurch ausbremste, hupte, wahrscheinlich wunderten sie sich nicht einmal.




Die kleinen Straßen münden in die Binnenhorizonte der großen Boulevards und Avenuen. Das Aufeinanderstoßen von Enge mit Überdimensioniertem erzeugt einen Grenz-/Horizonteffekt (die großen, symmetrisch angeordneten Boulevards als eine Flucht zu einer gut geordneten Gesellschaft), der jedoch jegliche Transzendenz allein schon durch die homogenisierende Existenz eines Stadtplans einbüßt. (Die Ordnung der Avenuen befindet sich nicht außerhalb der Unordnung der Gassen, sondern grenzt diese ein und eignet sie sich so an.)


Porte St.Dénis

Ein viel zu großer triumphaler Torbogen unterbricht den unübersichtlichen Lauf der Rue Faubourg St.Dénis und gibt nur einen, durch ein Figurenrelief und breite Steinmauern luxuriös eingefaßten, bogenförmigen Ausschnitt auf die Wohlhabenheit versprechenden Fassaden ihrer Fortsetzung frei. Über dem waagerechten Abschluß mit dem Schriftzug "Ludovico Magno", und gerahmt durch die Flucht der Straße, das ferne Schauspiel ziehender Wolken.


30.9., Plâce Jussieu,
Begegnungen mit Reisenden

Eine Frau spricht mich auf mein Fahrrad an. Sie ist gerade gestern von einer 10-monatigen Reise mit ihrem Freund in einem LKW durch Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien, Tibet, China zurückgekehrt. Auf dem Weg traf sie zahlreiche Radfahrer (sowie einen Reisenden auf Inlineskates und einen auf einem Mofa). Sie erzählt mir von einer Art Transitstrecke für Reisende von Pakistan nach China durch den Hindukush (unter Vermeidung der pakistanisch-indischen Grenze, wenn ich sie richtig verstanden habe - sie sprach französisch und sehr schnell), ein über 4000 Meter hoher Paß, der von zahlreichen Radreisenden befahren werde. Sie sei kurz vor der Zeit des Monsuns in diesen Gegenden gewesen, da wäre es dort unerträglich heiß. Die Radfahrer seien um vier Uhr morgens gestartet und bis mittags um eins gefahren. Danach ginge nichts mehr. Sie stehe jetzt noch mit einigen der Reisebekanntschaften über E-Mail in Kontakt. Die verbliebenen Radfahrer warteten jetzt erst mal ein paar Wochen oder Monate die Regenzeit ab, weil die Straßen dann unbefahrbar werden. Die meisten der (Fahrrad)Reisenden, die sie traf, seien für ein halbes Jahr, ein Jahr, eineinhalb Jahre unterwegs gewesen. Man könne in diesen Gegenden von 10 Dollar pro Tag inklusive aller Kosten gut leben.


Frankfurt, am Morgen des 1.Oktober nach nächtlicher Zugfahrt; Nachtrag

Frankfurt nach Paris: Was für ein Intensitätsverlust!
(Frankfurt/Main, "die schnellste Stadt Deutschlands": Aber wo waren sie alle, die Bevölkerer?)

Das war eine Bildungsreise.