Walter Benjamin: Erwachen

Benjamin bezeichnet den Modus des Erwachens - "Erwachen aus dem neunzehnten Jahrhundert", eine Erkenntnisform, die Elemente aus Traum- und Wachbewußtsein vereine und die im dialektischen Bild ihre stärkste Ausdrucksform habe - als erkenntnistheoretische Methode des Projekts seiner Passagenarbeit:

Während Aragon im Traumbereich beharrt, soll hier die Konstellation des Erwachens gefunden werden. Während bei Aragon ein impressionistisches Element bleibt - die "Mythologie" - geht es hier um Auflösung der "Mythologie" in den Geschichtsraum. Das freilich kann nur geschehen durch die Erweckung eines noch nicht bewußten Wissens vom Gewesenen.

Mein Fahrradprojekt soll Bestandteil der großen zu leistenden Arbeit über das Erwachen aus dem Zeitalter des Automobils werden.
Die vektorielle Ordnung des Raumes durch Straßen, seine Homogenisierung durch die Straßenverkehrsordnungen, die "Gefahren und Risiken" des Verkehrs, "Freiheit und Individualismus" der/durch Fortbewegung, sind das "von jeher Gewesene" unserer Epoche, an das es sich individuell anzupassen gilt.
Das Fahrrad, Fortbewegungs- und Leistungsoptimierungsmaschine: Produkt und Ausdruck des technischen Dispositivs und zugleich Schlafwandler: Medium "romantischer" Träume von Muße, Reise, Landschaftsschau - einer "ganz anderen" als der entfremdeten maschinisierten und linearisierten Fortbewegung - ist Grenzgänger (Schwellentreter) in der Epoche des Autoverkehrs.

"Der Traum der Automobilgesellschaft - eine Erkenntnistheorie des Fahrrads"

Tour de France
Die jährlichen Länderrundfahrten - auch sportliches Ereignis, aber daneben Landeskunde, Inventur der Provinzen, nationale Selbstvergewisserung - finden mit dem Fahrrad statt (es gibt kein vergleichbares Auto-Ereignis).
Wie kommt es, daß diese jährlich sich wiederholenden symbolischen Inbesitznahmen der Provinzen (ihrer Berge, ihrer Landschaften) im Medium des Fahrradfahrens vorgenommen werden? Sprengt womöglich das Auto durch die absolute Dominanz seines Raumes und durch seine Geschwindigkeit den Rahmen der Möglichkeiten territorialer Selbstvergewisserung?


Der Sport ist reiner Ausdruck des Fortschrittsglaubens, also der Überführung der Weltrand- und Horizontmotive in eines der - meß- und aufschreibbaren - Entwicklung. Sport ist Gottesdienst, der Rekord Entelechie. In seiner Fusion aus Maximierung menschlicher Leistungskraft und Technizität müßte dem Fahrrad einmal eine herausragende Stelle zugeordnet gewesen sein.

Die geschichtliche Verbindung zwischen Fahrrad und Automobil als Mittel der Fortbewegung und des Sports (Geschwindigkeit, Rekord). Fahrzeug- und Reifenhersteller: Peugeot, Michelin, Continental.
Mercedes: bietet neuerdings auch Fahrräder an. Die Anerkennung der Bedeutung geht einher mit einer Geste der Domestizierung. (Allegorie dieser Domestizierung: das Fahrrad im Geländewagenkofferraum mit extra gro§er Heckklappe)
Wie sieht dagegen die Geschichte von Produktion und Vertrieb von Fahrrädern und Autos bei Peugeot aus?

Fahrrad von Anfang an auch Fluchtmittel aus den Funktionszusammenhängen der bürgerlichen Gesellschaft:
- Rolle des Fahrrads als Mittel der räumlichen Emanzipation für Frauen
- frühe Radtouren, Künstler und Fahrrad (Kandinskys und Münters Touren durch das Voralpenland)
- Fahrrad auf dem Land: Bewahrer einer Kontinuität der langsamen Bewegung?


Deleuze (Jarry+Philosophie+Fahrrad+Heidegger):

Plus généralement, c´est toute l´oeuvre de Jarry qui ne cesse d´invoquer science et technique, se peuple de machines et se met sous le signe du Vélo: celui-ci en effet n´est pas une machine simple, mais le modèle simple d`une Machine adéquate au temps. (...) Le vélo, avec sa chaîne et ses vitesses, est l`essence de la technique: il enveloppe et développe, il opère le grand Tournant de la terre. Le vélo est cadre, comme le "quadriparti" ["Geviert"] de Heidegger. (Un précurseur méconnu de Heidegger, Alfred Jarry, S.117).