24. 9.
Cadaquès - Canet Plage / Zeitfahren


Strecke: in Llanca/Spanien startend über die ans Meer stoßenden östlichen Ausläufer der Pyrenees Orientales bis nach Argeles Plage/Frankreich
Streckenlänge: ca. 45 km
Profil: 6 Anstiege bis zu 14 Prozent mit insgesamt ca. 900 m Steigung und ebensoviel Gefälle
Startzeit: 14 Uhr 39
Bedingungen: bei Start über 30 Grad im Schatten, wolkenloser Himmel, windstill; später leicht auffrischende Brise, Dunst und aufziehende lockere Bewölkung, Temperatur fällt auf ca. 26 Grad im Schatten
Ankunftszeit: 16 Uhr 51


Ich hatte bis zum Nachmittag in der Annahme gewartet, daß der Südwind wie an den vergangenen Tagen losblasen würde. Doch meine Annahme bestätigte sich nicht. So startete ich in der größten Nachmittagshitze und eine weitere Fehlkalkulation hätte mir beinahe das Genick gebrochen: Ich hatte nicht bedacht, daß die Anstiege jetzt alle auf der Südseite, also in der prallen Sonne lagen. Auf der spanischen Seite dieser Berge wachsen auch keine Bäume mehr, sondern Kakteen. Beim ersten großen Anstieg, zwischen Colera und Portbou, wurde mir von der Hitze schwindlig, obwohl ich noch bei vollen Kräften war. Die Straße hatte den ganzen Mittag aufgeheizt und strahlte in der stehenden Luft mit der Sonne um die Wette. Es hatte dort bestimmt an die 60 Grad und mir drohte der Kreislauf auszusetzen. Doch es gelang mir, mich bis zur Paßhöhe auf dem Rad zu halten. Am Anfang der Abfahrt band ich mir mein Unterhemd auf das unbedeckte Haupt und übergoß es mit Wasser. Die Abfahrt war zwar noch etwas wackelig, aber ich machte dennoch in den Kurven schon wieder Druck. Den folgenden, ebenso hohen, Anstieg ging ich etwas langsamer an und als ich oben über die Grenze nach Frankreich fuhr, fühlte ich mich wieder völlig stabilisiert.
Während dieses ersten Teils in Spanien wurde ich übrigens diverse male von vorbeifahrenden Autos angefeuert oder man streckte den erhobenen Daumen aus dem Fenster. Von einer Gruppe junger Frauen, die zusammen in einem Auto mit madrilenischem Kennzeichen unterwegs waren und an denen ich insgesamt dreimal vorbeikam (ich überholte sie im Tal, sie mich am Berg, auf dem sie oben stehenblieben, um die Aussicht zu genießen), wurde ich richtig bejubelt. Das war schon schön.
Hart wurde es dann noch einmal im letzten Drittel, als mir, wie zu erwarten, die Kraft und die Energie ausging (ich hatte auch kein üppiges Radler-Kalorienmahl vorher zu mir genommen, wie es sich gehört, sondern von meinen letzten Peseten ein mittelkleines Stück Pizza gekauft und für die Fahrt ein Muffin mit Schokoladenstückchen und eine halbe Packung Salzcracker). Vor allem die letzten beiden Aufstiege auf der dort schon wieder recht breit ausgebauten französischen Route Nationale - mit langen abwechslungslosen Geraden stetig bergauf gehend, in einem Steigungswinkel, den man nicht einschätzen kann, bzw. immer unterschätzt, weil er über eine relativ lange Strecke konstant bleibt. Zum Schluß wünschte ich mir, daß dies doch bitte, bitte die letzte Steigung sein möge. (Obwohl ich das Aufnahmegerät wieder griffbereit hatte und eigentlich mit einer Liveschaltung aus dem letzten Drittel, wie bei den Bergwertungen gerechnet hatte, blieb eine solche Unternehmung diesmal aus. Mein Hirn war leer, fast das ganze Zeitfahren über, höchstens hin- und wieder den Schönheiten der Ausblicke zugewandt, ansonsten konzentriert auf die Fahrt und ganz Indifferenz, bis auf die Leidensabschnitte im ersten und im letzten Drittel.)
Der Wechsel der Athmosphäre war wieder spektakulär: Auf 30 km der Übergang von einem unerbittlich blauen Himmel, trockener Hitze,starken Kontrasten, sehr kargem Bewuchs, Kakteen - einer Prä-Wüsten-Landschaft - zu diesigem Seidenblau, zarten Abtönungen, feuchter Wärme, Bäumen, Weinstöcken und grünen Wiesen. Interessanterweise waren von Frankreich aus gesehen die Kuppen der Berge gen Süden teilweise im Dunst, als ob von dort schlechtes Wetter käme, während drüben keine Wolke zu sehen war. Der richtige Süden, der, der Afrika schon in Europa anfangen läßt, fängt im Westen offensichtlich genau an dieser schmalen Grenze abrupt an.

In Argeles schwamm ich zwischen Rentnern im Meer und dann durchfuhr ich die endlosen Reihen der Feriensiedlungsinfrastruktur, durch zwei solcher Plage-Bettenburgen gen Norden. Mein kurzer Ausflug in die aufregende Welt des Traveller-Süd-Tourismus war so radikal beendet wie er überraschend plötzlich begonnen hatte.