Virilio, Ästhetik der Geschwindigkeit

Im Streben nach Fortschritt zeigt sich etwas, das nicht mehr diskontinuierlich ist und schließlich alle Unterschiede aufhebt, die Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur, Utopie und Realität. Denn indem die Technologie den Übergangsritus zur Dauererscheinung macht, läßt sie auch die Entregelung der Sinne zum Dauerzustand werden. So würde das bewußte Leben zu einer Pendelbewegung des Reisens, dessen absolute Pole nur noch Geburt und Tod wären. Das würde das Ende von Religionen und Philosophie bedeuten. (S.105)
Seit es Geschwindigkeit gibt, bricht die Welt unaufhörlich herein; der Gegenstand löst sich auf in den Anfang einer Informationskette. (S.112)
Aber gerade das ist die Frage: hat die Kultur, so wie sie hier verstanden wird, etwas zu tun mit einem Vergnügen, wie es von Leuten (...) gesucht wird, die behaupten, daß die Geschwindigkeit des Fahrzeugs "ermöglicht, an nichts zu denken, nichts zu empfinden, Indifferenz zu erreichen"? Man kann sagen, daß diese Anachoreten der Schnelligkeit buchstäblich das Ende der bürgerlichen Kultur einläuten, die Gegenreaktion auf Reiseexotik und -Romantik (...). (S.113)


Geschwindigkeit/Eindimensionalität/Verzögerung

Im Dispositiv der mechanisierten und maschinisierten Fortbewegung ermöglicht und realisiert das Fahrrad eine VERZÖGERUNG. Das scheint mir der entscheidende Punkt für mein Projekt gegenüber der scheinbaren Ausweglosigkeit der Thesen von Virilio. Mit der Verzögerung kommt der ganze Komplex der Zweckentfremdung (und Subversion) wieder ins Spiel. Das Fahrradfahren befindet sich in einer dialektischen Beziehung zum Dispositiv der maschinellen Fortbewegung. Es ist zugleich innerhalb und außerhalb, Produkt, Profiteur, radikale Infragestellung und Initiator einer abweichenden Praxis. Das hatte ich bereits am Punkt der Abhängigkeit von der Straße angeführt.
Die Verzögerung erlaubt eine Reflexion der im Maschinendispositiv charakteristischen Abläufe und Zustände (Vergnügen der Schnelligkeit und Indifferenz, fortgesetzter Aufenthalt im Transitraum, Entregelung der Sinne). Das Fahrradfahren ist ein - Unterschiede nivelllierendes - Transitmedium wie das Autofahren und zugleich - durch seine Verzögerungen - Instrument der Bewußtmachung genau dieses Vorgangs.
Walter Benjamin schreibt über die Ablösung von Photo und Eisenbahn durch Film und Auto als Medien der Erfahrung der modernen Stadt: Erst dem Film eröffnen sich optische Zufahrtsstraßen in das Wesen der Stadt wie sie den Automobilisten in die neue City führen. (Berliner Chronik, S.17).
Das Fahrrad, als kleiner Bruder des Autos, ermöglicht die Er-Fahrung aller dieser Übergänge (vom Weichbild in die City, in das Naherholungsgebiet, in die gehobenen Wohnviertel, durch die ehemalige Proletariergegend, die jetzt Studenten- und Szenestadtteil ist, usw.) an einem Stück, es ist für diese Entfernungen gemacht. Aber man nimmt ungleich viel mehr war, als bei der meist viel zu schnellen und viel zu gerichteten Autoeinfahrt.