3.9., von Chur über Thusis nach Tiefencastel nach Bergün.
nach vormittäglichen Einkäufen in Chur mittags los. das Wetter anfangs herrlich, doch am vorderen Horizont ziehen mit dem kräftigen Wind drohend Wolken. drei Tunnels bewirken Adrenalinschübe.
erste Bergwertung: ca. 1500 Höhenmeter, mit Gepäck, doch ohne den anfänglichen Gegenwind, teilweise recht steil. Die - wegen unaufmerksamer Kartenstudien - grob unterschätzte Albula-Strasse macht diese Bergwertung, welche eigentlich nur als eine Art Vorspiel gedacht war, gleich zu einer echten Herausforderung.
von Bergün nach Sameden darum mit der Räthikon-Bahn. Definitiv am Ende meiner Kräfte entscheide ich mich für den "Velo-Auflad", um mir die letzten steilen Anstiege bis zur Passhöhe zu ersparen. Wenige Minuten später sitze ich schon im Zug, der ein beeindruckendes Konzert in jeder der vielen Kurven und bei den Tunneldurchfahrten gibt. (der Pass war außerdem eh in Wolken ...)

Sameden nach St.Moritz.
auf der anderen Seite des Passes dann der befürchtete Wetterwechsel: Niesel und zehn Grad kälter. ich genehmige mir ein schnelles Supermarktbier kurz vor Geschäftsschluss (der schweizer Geheimtip: "Lager", exklusiv für Coop gebraut und für 60 Rappen zu haben).
St.Moritz entpuppt sich bei der Durchfahrt als ziemlich hässlich, weil geschmacklos von jedem, der das Geld dazu hat, nach eigenem Gusto zugebaut. Ich hatte mir eine zwar mondäne, aber relativ einheitliche Bergortathmosphärebebauung vorgestellt; stattdessen: Las Vegas, ein Stil gnadenlos neben den anderen gesetzt.

4.9. Einkaufen in St.Moritz (im Coop, der, wieder mal unglaublich reichhaltig ausgestattet, keine Wünsche offenläßt), erst Heidegger dann Nietzsche lesen im Zelt.
das Wetter wirkt trotz Nieselns zunächst so, als ob es noch aufreissen würde, doch nachmittags regnet es dann kontinuierlich und ergiebig.
mit dem Fahrrad an den verschiedenen Seen und Steinen und Wegen (ganz zu schweigen von den Sprungschanzen, Tennisplätzen, Skitalstationen, Inlineskatingbahnen, Privatburgen, Loipenzentren, Kurhotels) vorbei nach Sils-Maria, wo ich recht schnell das Nietzsche-Haus finde, obwohl dieses gar nicht aufdringlich in Szene gesetzt ist, wie ich befürchtet hatte.

... ein Anblick, der mir seither bei jedem Wiedersehen wieder teuer und wichtig wurde und das Herz bewegte: Das dicht an den Felshang gedrückte etwas düstere Haus, in dem Nietzsche seine Engadiner Wohnung hatte. Inmitten der lauten, bunten Sport- und Touristenwelt und der großen Hotels steht es heute trotzig und blickt etwas verdrossen, wie angewidert (...)
aus: Hermann Hesse, Engadiner Erlebnisse, 1953