Im Nietzsche-Haus begegnen mir: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Kurt Tucholsky, Theodor Adorno, Gershom Sholem, Hermann Hesse, Paul Celan, Thomas Mann (den ich ja schon auf der Baltic Tour in seinem Ferienhaus auf der Kurischen Nehrung besucht habe), Jean Cocteau und ein schweizer Autor, der mir bisher kein Begriff war, von dem ich aber zuerst berichten will, Jürg Amann
das ist zwar auf den ersten Blick nicht besonders philosophisch und hat erst recht nichts mit Fahrradfahren zu tun, aber heute vormittag erst las ich über Denken und Dichten und über Raum, Ort und Gegend bei Heidegger und damit auch über die Bedingungen für diese Tätigkeiten, und im Nietzsche-Haus begegnete ich einer derart geballten Ladung von Dichtern und Denkern, die diese Gegendund diesen Ort offensichtlich so inspirierend fanden, daß sie immer wieder zu ihm zurückkehrten, so daß ich mir diesen Ausflug in die eher stationäre Produktionsart gestatte (temporäre Stationarität: die meisten dieser Autoren zeichnen sich durch häufige, wenn auch oft regelmäßige, Ortswechsel aus):
(aus dem Ausstellungstext)
"Von Anfang an ist das Nietzsche-Haus mit seinem Weg als freier Schriftsteller eng verknüpft. Im Sommer 1977 hat er hier (...) in wenigen Wochen seinen Roman über Robert Walser geschrieben. (...) Seither ist Jürg Amann mit wenigen Ausnahmen jeden Sommer zum Schreiben ins Nietzsche-Haus zurückgekehrt."
Über sein spezifisches Verhältnis zum Nietzsche-Haus sagte Amann in einem Vortrag selber: Ich bin eingeladen, über mein Verhältnis als Schriftsteller zu Nietzsche zu sprechen. Frank und frei und vorweg gesagt: ich habe keines. (...) Meine Begegnung mit Nietzsche war die Begegnung mit seinem Zimmer, hier in Sils-Maria, im Nietzsche-Haus. Dieses Zimmer mit seinem Fast-Nichts an Einrichtung war mir auf Anhieb sympathisch. Diese äusserste Bescheidenheit im Kontrast mit dem gewaltigen Werk (...) hatte mich sogleich bezwungen. Ein Jahr später habe ich die Wirkung an mir selber erprobt, im gleichen Haus, in einem anderen, ebenso bescheidenen Zimmer, in dem ich fünf Wochen meinen Roman über Robert Walser geschrieben habe. Dass ich seither immer wieder hierher gekommen bin, um in Nietzsches Haus an mir selber zu arbeiten, hat mit diesem ersten Eindruck zu tun.
Wie hat er das gemacht, sich hier einfach reinzusetzen?
Die Frage ist schon beantwortet. Es gibt eine Stiftung, bei der kann man sich bewerben.
Zum Thema Kargheit. Nietzsche bezeichnete sein Zimmer hier als Höhle. Ich habe jetzt auch eine Höhle, wie mir heute morgen gekommen ist:
Am Anfang der Bergwertung und während der Baltic Tour war mein Zelt ein Doppel(reihen)haus: Weil wir zu zweit unterwegs waren bedeutete jeder der beiden Eingänge den eigenen Zugang zur eigenen Doppelhaushälfte. Man verabschiedete sich vor dem Eintreten draußen über das Zelt hinweg und begrüßte sich innen drin überrascht. (Oder auch: die getrennten Welten auf der linken und rechten Seite eines Ehebetts, jede mit eigenem Nachtkasten und Stuhl sowie eigenem Ordnungssystem.) Jetzt, da ich alleine bin - und es regnet - ist mein Zelt eine Höhle: Im hinteren Teil, dem einen Eingang, der jetzt zu bleibt, lagere ich mein Gepäck, der mittlere Teil, das Innenzelt, ist Wohn-, Arbeits- und Schlafstube, und in der vorderen Apsis, im Eingangsbereich, ist die Küche und der Vorratsraum.
Denken tut man ja sowieso draußen.
Aber kann man in dieser Höhle schreiben?

Auf eine andere Art und Weise stellt sich mir durch die Äußerungen Celans eine Verbindung zu meiner Farradfragestellung her: Er schreibt über die versäumte Begegnung mit Adorno, dem "großen Juden", in Sils-Maria. Adorno seinerseits schreibt an Celan, dass er länger hätte bleiben sollen, dann hätte er nicht die Begegnung mit dem wahren "großen Juden", Gershom Sholem, verpaßt; von dem Celan stark beeinflusst war. Dies, die Verbindung zu Gershom Sholem, stellt eine überraschende Verbindung zu Walter Benjamin her, dem ich ja später auf meiner Reise folgen werde. Und dann folgt noch eine andere wunderliche Verbindung, vermittelt über das Verb "Versäumen" und über ambivalente Beziehungen (wie die zu Adorno wohl eine gewesen war), nämlich zu Heidegger, den Celan im Juli 1967 auf dessen Hütte in Todtnau besuchte. (Der hat in einer Vorlesung von 1937 in Auseinandersetzung mit Sätzen aus dem "Zarathustra" eine Passage über die "einsamste Einsamkeit" verfasst, die Celan sehr schätzte.)